Grube Messel: Wie Messel dem Müll entkam
Ein kleines Skelett liegt im dunklen Gestein, als sei das Tier erst gestern darin versunken. In der Messel-Ausstellung des Senckenberg Naturmuseums folgen Schildkröten, Fische, Krokodile, Vögel und frühe Säugetiere. Viele Funde sind nahezu vollständig erhalten. Manche bewahren sogar Körperumrisse, Fell, Federn oder den letzten Mageninhalt. Diese Einzelheiten machen die Grube Messel zu weit mehr als einer Fundstelle mit besonders vielen Knochen. Sie liefert Momentaufnahmen eines ganzen Lebensraums vor rund 48 Millionen Jahren. Der Rundgang zeigt anschaulich, warum Forschende aus Frankfurt und aller Welt bis heute an dem ehemaligen Tagebau arbeiten. Seine jüngere Geschichte bleibt dabei allerdings auffällig blass.
Zur Zeit der Messeler Tiere lag Mitteleuropa in einer warmen Phase des Eozäns. Wo heute Südhessen liegt, erstreckte sich ein feuchter, subtropischer Wald um einen tiefen Vulkansee. Über lange Zeit gelangten tote oder sterbende Tiere in den See. Einzelne Tiere ertranken, andere wurden eingeschwemmt; zeitweise können Sauerstoffmangel, giftige Algenblüten oder vulkanische Gase mehrere Tiere gleichzeitig getötet haben. Sauerstoffarme Bedingungen bremsten die Zersetzung. Aus den Ablagerungen entstand über Millionen Jahre der bitumenreiche Tonstein, der später als Ölschiefer bezeichnet wurde. Die Ausstellung macht diesen geologischen Zusammenhang mit Fossilien und Rekonstruktionen sichtbar. Sie zeigt nicht nur einzelne Arten, sondern ein Netzwerk aus Pflanzen, Insekten, Fischen, Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Selbst kleinste Merkmale können sehr genau verraten, wie ein Tier lebte, was es fraß und welche Umwelt es umgab.
Besonders bekannt sind die Messeler Urpferdchen. Sie hatten wenig mit dem heutigen Pferd gemeinsam, waren klein, lebten im Wald und trugen mehrere Zehen. Vollständige Skelette und erhaltene Mageninhalte erlauben außergewöhnlich genaue Rückschlüsse auf ihre Lebensweise. Andere Funde dokumentieren frühe Fledermäuse, Primaten, Insektenfresser und Raubtiere. Hinzu kommen Krokodile und Schildkröten, deren Panzer oder Körper oft weitgehend im anatomischen Zusammenhang erhalten blieben. Bei Vögeln zeichnen sich feine Knochen und mitunter Spuren des Gefieders ab. Die Fossilien wirken deshalb nicht wie lose Teile eines Puzzles. Viele liefern bereits einen großen Teil des Bildes. Vergleichsfunde und moderne Untersuchungsmethoden ergänzen bis heute die fehlenden Stellen und verändern immer wieder das Wissen über die Tierwelt des Eozäns.
Dass dieser Schatz sichtbar wurde, ist ausgerechnet dem Eingriff in die Landschaft zu verdanken. Die Bergbaugeschichte begann 1859 mit der Suche nach Raseneisenerz. Später konzentrierte sich der Betrieb auf den Ölschiefer, der industriell abgebaut und zur Gewinnung von Mineralölprodukten verschwelt wurde. Der Abbau schuf die heutige Grube und legte fossilführende Schichten frei. Er schuf jedoch nicht die Fossillagerstätte; die lag seit Jahrmillionen im Untergrund. Damit besitzt Messel eine unbequeme Doppelgeschichte. Der industrielle Raubbau zerstörte Natur und öffnete zugleich das Archiv, das heute geschützt wird. Schon 1876 kam beim Abbau ein Krokodilskelett ans Licht. Als die Förderung 1971 endete, war aus der Landschaft ein großer Tagebau geworden – und aus dessen Gestein längst eine wissenschaftliche Sensation.
Noch größer wirkt der historische Widerspruch nach dem Ende des Abbaus. Ausgerechnet die Grube mit ihren außergewöhnlichen Fossilien sollte zur zentralen Mülldeponie für Südhessen werden. 1981 wurde das Vorhaben genehmigt, 1982 begannen Bauarbeiten. Ein zeitweiliger Baustopp beendete das Projekt nicht; die Arbeiten wurden fortgesetzt. Während Wissenschaftler den Rang der Funde zunehmend erkannten, kämpften Bürger aus Messel und Umgebung gegen die Deponie. Sie schrieben Eingaben, sammelten Wissen, prüften Gutachten und zogen vor Gericht. Im Dezember 1987 stoppte der Hessische Verwaltungsgerichtshof die geplante Inbetriebnahme im Eilverfahren. 1988 bestätigte das Gericht die Entscheidung im Hauptverfahren. Formfehler und neue Zweifel an der Sicherheit brachten schließlich zu Fall, was politisch und baulich bereits weit vorangetrieben worden war.
Ohne diesen Widerstand gäbe es den heutigen Schutzort sehr wahrscheinlich nicht. Das Land Hessen kaufte die Grube 1991 und übertrug ihre wissenschaftliche Betreuung an Senckenberg. 1995 nahm die UNESCO Messel als erstes deutsches Weltnaturerbe in ihre Liste auf. Zwischen dem begonnenen Deponiebau und der weltweiten Auszeichnung lagen damit nur wenige Jahre. Gerade diese Wendung gehört untrennbar zu Messel: Nicht eine Verwaltung erkannte rechtzeitig den Wert des Ortes, sondern hartnäckige Bürger zwangen Politik und Behörden zum Umdenken. Sie retteten keine unberührte Landschaft. Sie bewahrten einen bereits industriell ausgebeuteten Ort davor, endgültig zugeschüttet zu werden. Aus dem Tagebau wurde dadurch kein Stück heile Natur, sondern ein geschütztes Archiv der Erdgeschichte und zugleich ein bemerkenswerter Ort demokratischer Einmischung.
Die Ausstellung im Senckenberg Naturmuseum überzeugt dort, wo sie ihre Originale sprechen lässt. Die Fossilien sind hervorragend, ihre Erhaltung wird verständlich und die Vielfalt des ehemaligen Lebensraums sichtbar. Umso bedauerlicher ist, dass die Präsentation den industriellen Raubbau, die Deponieplanung und die Leistung der Bürgerinitiative nicht gleichwertig erzählt. Genau diese Kapitel erklären, warum Messel heute überhaupt zugänglich und zugleich geschützt ist. Eine moderne Naturausstellung sollte nicht allein zeigen, was die Erde bewahrt hat. Sie sollte auch benennen, wie Menschen Landschaften ausbeuten, wissenschaftliche Werte beinahe vernichten und politische Entscheidungen korrigieren können. Messel bietet dafür ein selten starkes Beispiel. Seine Geschichte handelt von Evolution und Fossilien, aber ebenso von Rohstoffhunger, Abfallpolitik und Bürgern, die sich mit Ausdauer gegen einen scheinbar längst beschlossenen Verlust stellten.